Wirkungsweise
Wie funktioniert das eigentlich?

Was ist Medical Flossing?

Der Ursprung des Medical Flossings ist im VooDooFlossing zu finden. Dr. Kelly Starrett, ein amerikanischer Trainer, Physiotherapeut und Autor, beschreibt einige unspezifische Gelenkanlagen mit dem VoodooFlossing für Gelenke der Extremitäten, um die Beweglichkeit zu verbessern [Starrett K., 2014, 2015]. Die Idee hinter Medical Flossing ist es, diese sehr effektive Trainingsmethode, wie uns aus dem Okklusionstraining und dem VooDooFlossing bekannt ist, für die praktische, therapeutische Behandlung verschiedener Indikationen zu nutzen. Dabei stehen akute und subakute Verletzungen des Bewegungsapparates, aber auch längerfristige Problematiken im Fokus. Das Medical Flossing ist sowohl bei jungen AthletInnen mit Sportverletzungen, als auch bei geriatrischen PatientInnen mit beispielsweise eine Knievollprothese einsetzbar.

Das Material ist ein 1 bis 2 mm dickes dehnbares Latexband. Es wird je nach Indikation und Therapieziel mehr oder weniger Druck ausübend zirkulär um das zu behandelnde Areal gewickelt. Durch den entstehenden extern induzierten Druck und die kohäsive Kraft des Bandes gegenüber der Hautoberfläche und dem subkutanen Gewebes kommt es zu verschiedenen Effekten, die zur Schmerzlinderung und zur Verbesserung des Bewegungsausmaßes führen. Es gibt drei Applikationsformen: Muskelapplikation, Faszienapplikation und Gelenkapplikation.

Grundgedanke

Basis für die Wirktheorie von Medical Flossing ist das Tensegrity Modell, ein aus der Geometrie entstandenes Modell. Es  beschreibt zunächst einmal einen architektonischen  Aufbau, indem ein zusammenhängendes Netzwerk durch jede sich darin befindliche Struktur beinflussbar ist und ständig den Drang besitzt in die eigentliche Ausgangsposition zurück zukehren. Es gibt stabile und elastische Elemente in diesem Netzwerk [Myers T., 2001]. Auf den menschlichen Körper abstrahiert, bedeutet das folgendes: Makrophysiologisch existieren stabile Elemente (Knochen, Organe) und elastische Elemente (myofasziales System, Knorpel, etc.), die über den gesamten Körper miteinander verbunden sind, ohne dass stabile Elemente sich direkt berühren. Dadurch ist der Körper sehr flexibel, aber gleichzeitig sehr stabil und kann hohe Belastungen aushalten [vgl. Lakes R., 1993, Ball P. 1999]. Pathophysiologisch gehen wir davon aus, dass oftmals Restriktionen oder Veränderungen des Spannungsverhältnisses der elastischen Elemente Auslöser für Probleme, Schmerzen und Einschränkungen sind [vgl. Williams P., 1995, Varela F. 1987]. Mit dem Medical Flossing können die myofaszialen Strukturen wieder zu ihrem physiologischen Tonus gebracht werden. Mikrophysiologisch besitzen wir ebenfalls ein elastisches System (Integrine und exrazelluläre Matrix). Es ist für die Mechanoregulation, die das Modell der Chemoregulation erweitert, zuständig und so in der Lage Zellstruktur und -aktivität zu verändern und somit auf Krankheitsverläufe oder mechanischen Problemen einwirken kann [Ingber D., 1998, 2003, 2006]. Wir können also direkten Einfluss auf mirkophysiologische Prozesse nehmen in dem wir extern mit Druck- und Zugbelastungen arbeiten.

Wie das Tensegrity Modell auch folgt der menschliche Körper dem Drang sich wieder in die „physiologische Ausgangsposition“ zurück  zu bringen. Mit den Effekten des Medical Flossing setzen wir verschiedene Reize, die diesen Autoreparaturmechanismus in Gang bringen. Sowohl auf mikrophysiologoscher, als auch auf makrophysiologischer Ebene kann man durch verschiedene Applikaitonsadaptionen in Verbindung mit bekannten Behandlungstechniken gewünschte Effekte erzielen. Diese werden weiteren beschrieben.

Wirkmechanismen

Das Medical Flossing beruht auf drei wichtigen Grundeffekten: dem Schwammeffekt, dem Kinetic Resolve und der subcutanen Irritation, die im Folgenden grob beschrieben werden.  Diese drei Effekte wirken auf das Myofasziale System, das Lymphsystem und auf das vegetative System.  Der Schwammeffekt beschreibt den Effekt, der durch die hohe Kompression auf das Gewebe entsteht. Der venöse Rückstrom wird nahezu blockiert und der arterielle Zustrom um ein vielfaches gehemmt, ähnlich wie beim Okklusionstraining. Das extrazelluläre Gewebe wird „ausgepresst“, sodass lymphpflichtige Lasten dem Lymphsystem zugetragen und abtransportiert werden können. Auf die Muskulatur lässt sich dieser Schwammeffekt ebenfalls übertragen. Abfallprodukte werden aus den Muskelzellen und dem Endomysium heraus transportiert und nach Entfernung der Applikation entsteht eine Hyperämie, die sowohl den Muskel, als auch das extrazelluläre Gewebe und die Faszien mit Flüssigkeit und Energie versorgt. Im Gelenk selbst fördert die Applikation die Resorption der Synovia und verbessert wie o.g. die Trophik auch des intraartikulären Gewebes. Dieser Effekt kommt dem Arzt/der Ärztin oder dem Therapeuten/der Therapeutin vor Allem bei akuten Verletzungen mit Schwellungen zu Gute und erhöht den Effekt beispielsweise von Gelenkdrainagen. Kinetic Resolve beschreibt die mechanische Wirkung vor allem auf das myofasziale System. Dabei geht es um das Lösen von inter- und intrafaszialen Crosslinks, die ein Faktor der Bewegungseinschränkung oder der Verminderung des neurovaskulären Durchflusses sein können. Dieser mechanische Effekt entsteht erst durch Bewegung, passiv oder aktiv. Dabei werden die Faszienschichten, das subkutane Gewebe untereinander, aber auch gegen angrenzende Muskeln, Knochen oder Gelenken verschoben, welches zu einem schmerzhaften Durchbrechen dieser Wasserstoffbrückenbindungen führt (Crosslinks). Dabei wird die Beweglichkeit unter den Gewebsschichten und weiterlaufend der angrenzenden Gelenke verbessert. Im Fasziendistorsions-Modell nach Typaldos werden Zylinderdistorsionen definiert, die eine Überlappung der zirkulären Fasern der oberflächlichen spiralförmigen Faszie beschreiben. Medical Flossing bietet mit dem Effekt des Kinetic Resolve eine exzellente Behandlungstechnik bei dieser Indikation.  Die subkutane Irritation ist einer der wichtigsten Effekte zur Schmerzreduktion. Den theoretischen Hintergrund dafür bildet die Gate-Control-Theorie. Wie bereits aus vielen anderen Techniken bekannt, lässt sich durch die Reizung von Mechanorezeptoren, Druck- und Bewegungsimpulsen im segmentalen Hinterhorn des Rückenmarks eine nozizeptive Hemmung erreichen. Diesen Effekt machen wir uns beim Medical Flossing natürlich auch zu Nutze!

Diese drei Effekte legen den Grundstein für die therapeutische Intervention und gleichzeitig die Möglichen der Adaptation der Applikation je nach Therapieziel. Der Therapeut passt die drei Parameter Druck (Schwammeffekt), Bewegung (Kinetic Resolve) und Reizung (subkutane Irritation) individuell auf den Patienten und die gerade zu therapierenden Strukturen an und verändert so die Gewichtung der einzelnen Effekte. Es werden drei Applikationsformen unterschieden: Muskelapplikation, Faszienapplikation und Gelenkapplikation, für die durch die unterschiedlichen Adressaten eine veränderte Anlage nötig ist.

 

Abgrenzung

Medical Flossing ist den Prinzipien des Okklusionstrainings sehr ähnlich. Das Okklusionstraining allerdings hat durch die Zielsetzung der Hypertrophie [vgl. Fry A., 2004] einen begrenzten Hintergrund und beschränkt sich stark auf die Trainingswissenschaften. Das Medical Flossing macht sich der physiologischen Effekte des Okklusionstraining auf das biochemische Milieu der Muskulatur [Lakrin et. al, 2012] ebenfalls zu Nutze, nimmt aber durch die beschriebenen Applikationsformen  Einfluss auf weitere Strukturen. Medical Flossing beschreibt ein Tool, welches in der Physiotherapie, Manuellen Therapie, Osteopathie, Orthopädie, Sportmedizin,  etc. einzusetzen ist und als effektive, ökonomische Ergänzung, nicht als Ersatz der einzelnen Bereiche dient. Die Methode kann mit den meisten Applikationsarten sehr schmerzhaft sein und Folgen wie Hämatome, Quaddeln, etc. nach sich ziehen, wie auch aus anderen Therapietechniken  (Schröpfen, Faszientechnik) bekannt. Dadurch empfiehlt es sich mit unter eine Einverständniserklärung des Patienten einzufordern. Dies ist nicht ausdrücklich nötig, bringt aber ein professionelles Auftreten mit sich. Kontraindikationen sind hierbei genau zu beachten. Zu absoluten Kontraindikationen zählen Malignome, rezente Thrombosen bzw. Thromboembolien, akute septische Entzündungen sowie dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III bzw. IV). Relative Kontraindikationen sind beispielsweise chronische Entzündungen, Fieber, abgelaufene Thrombosen, Hypotonie, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Schwangerschaft oder Asthma bronchiale. Durch die Applikation auf der Haut sind offene Wunden, Verbrennungen oder andere Hautveränderungen ebenfalls relative Kontraindikationen. Bekannt aus anderen Therapien wie Manuelle Lymphdrainage kann die Behandlung mit dem Flossband je nach Nebendiagnose ggf. dementsprechend  angepasst werden [vgl. Schreiner O., 2014].

Evidenz/Erfahrung

Für die Therapie mit dem Flossband gibt es noch keine bestehende Evidenz. Eine laufende Pilotstudie beschäftigt sich mit der Wirksamkeit von Medical Flossing nach akuten oder subakuten Sprunggelenks- und Kniegelenksproblemen bei Profi-Fußballern, bezogen auf die Schmerzlinderung und die Auswirkungen auf das Bewegungsausmaß. Die Ergebnisse bleiben abzuwarten.

In der praktischen Anwendung sind bereits sehr positive Ergebnisse bei verschiedensten Indikationen zu verzeichnen. Profisportler mit akuten myofaszialen Dysbalancen, geriatrische Patienten mit Endoprothesen, arthritische Gelenke, Epicondylitis, Sportverletzungen wie Band(teil-)rupturen, etc. bis hin zu chronischen Lumbalgien sind Diagnosen, bei denen die Behandlung mit Medical Flossing indiziert sein kann. Es scheint das Handling und die Ökonomie des Therapeuten und das Outcome des Patienten zu verbessern. Dies gilt es weiter zu untersuchen!